Fairtrade-Baumwolle

Baumwolle ist nicht gleich Baumwolle!

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Ein chemischer Teufelskreis
Darum ist Fairtrade-Baumwolle die bessere Baumwolle
Fairtrade-Baumwolle: der Unterschied ist es wert

https://www.youtube.com/watch?v=h1ko4r9S-hE

Ob aus konventionellem, biologisch kontrolliertem oder Fairtrade-Anbau: Der allergrößte Teil der weltweiten Baumwollernte wird von Hand gepflückt. „Was? Baumwollernte von Hand? Moment mal, gibt es dafür etwa keine Maschinen?“ Doch gibt es, sogenannte „Baumwollernter“. Und die leisten auch ordentlich was: Locker 1.500 kg Baumwolle können mit einer Pflückmaschine pro Tag geerntet werden. Zum Vergleich: Pflücker schaffen etwa 80 bis 120 kg. Obwohl die maschinelle Ernte ungefähr der Tagesleistung von durchschnittlich 15 Arbeitskräften entspricht, setzt man – die USA, Usbekistan und Australien einmal ausgenommen – heute nach wie vor auf die aufwändige Ernte von Hand. Und das ist bei etwa zwei Dritteln der jährlichen Baumwollproduktion der Fall.

Warum ist das so? Ist maschinell gepflückte Baumwolle nicht viel billiger? Könnte man meinen, doch tatsächlich kostet zum Beispiel die in den USA industriell geerntete Baumwolle in etwa drei Mal so viel, wie handgepflückte Baumwolle aus westafrikanischen Ländern. Den Preisunterschied machen aber nicht etwa die Anschaffungs- und Instandhaltungskosten für die Erntemaschinen aus, sondern schlichtweg der immense Lohnunterschied. Es sind aber auch Qualitätsgründe, die für die manuelle Ernte sprechen. Es werden einerseits nur die reifen Faserbüschel ausgezupft, andererseits ist dabei auch der Schmutzgehalt deutlich geringer. Besonders hochwertige Baumwollsorten, wie die lange, feinfaserige „Sea Island Cotton“, können aufgrund der Qualitäts- und Reinheitsanforderungen sogar gar nicht anders geerntet werden, als von Hand.

Ein anderer Grund liegt an den Erntemaschinen selbst. Diese sind richtige Grobiane auf der Baumwollplantage. Wenn so ein Ding über die Baumwollfelder rattert, nimmt es einfach alles mit, was ihm in die Quere kommt und unterscheidet nicht zwischen reifer und unausgereifter Baumwolle. Und da wären außerdem noch Äste, Reste von Fruchtkapseln und natürlich die Blätter – es sei denn, man benetzt die Pflanzen vorher noch ordentlich mit Entlaubungsmitteln, damit sie kurzerhand abfallen.

Das Pärchen bewirbt das Bewusstsein für den Baumwollkonsum in Adilabad in Telangana, Indien. Atram Padma bai, hier rechts zu sehen, leitet eine Selbsthilfegruppe im Ort für Frauen und hat eine Vermittlungsstelle gegründet, wo man kostengünstige landwirtschaftliche Geräte mieten kann.

Gestern noch im Krieg, heute auf dem Baumwollfeld

„Aber bei der Ernte von Hand werden dann ja zum Glück keine Chemikalien versprüht, oder?“ Leider doch. Und das nicht zu knapp. In Usbekistan, einem der weltgrößten Baumwoll-Exportländer, nutzte man zum Beispiel jahrzehntelang das Herbizid „Agent Orange“. Ja, richtig – genau das extrem giftige Zeug, das man im Vietnamkrieg zur Entlaubung des Dschungels massenhaft aus Helikoptern versprüht hat. Ich denke, ich muss euch nicht erklären, wie unglaublich schädlich diese Chemikalie für Mensch, Tier und Natur ist und dass es extrem lange in der Umwelt verbleibt.

Nun mag man beim konventionellen Baumwollanbau heutzutage vielleicht kein Agent Orange mehr verwenden, aber dennoch sieht es in puncto Chemikalien nicht sonderlich angenehm aus. Es werden nämlich nicht nur en masse Entlaubungsmittel eingesetzt, sondern auch Pestizide zum Schutz der Pflanzen gegen Schädlinge. Dass hierbei auch nützliche, unglaublich wichtige Insekten und andere Tiere sterben, wird keine sonderlich große Überraschung sein. Der Einsatz ist immens. Um es mal in Zahlen auszudrücken: Baumwollpflanzen nehmen zwar nur zwei Prozent der weltweiten Anbaufläche ein, jedoch gehen 25 Prozent des gesamten Pestizidverbrauchs auf diesem Planeten auf das Baumwollkonto. Und vergessen wir nicht, dass sehr viele Menschen auf den Baumwollplantagen arbeiten und diesen Giften Tag für Tag ausgesetzt sind. Statistiken sprechen von mehreren Zehntausend Todesfällen pro Jahr, die klar auf den Einsatz von Pestiziden zurückzuführen sind.

Ein chemischer Teufelskreis

Mit der Chemiekeule hört es an dieser Stelle jedoch noch lange nicht auf. In Subsahara-Staaten wächst Baumwolle hauptsächlich im Kleinanbau und stellt zugleich die wichtigste Geldeinnahmequelle des Landes dar. Was macht also der Staat? Er fördert den Anbau: Die Landwirte bekommen zum Beispiel Saatgut und Chemikalien. Anfangs sind die Ernten noch üppig. Doch Monokulturen tun keiner Anbaufläche gut. Dadurch, dass die Bauern nichts anderes als Baumwolle anpflanzen, laugen die Böden immer weiter aus. Deshalb kommen zu all dem nun auch noch mehr und mehr Dünger ins Spiel.

Doch der Teufelskreis scheint kein Ende zu finden: Monokulturen machen es gefährlichen Schädlingen nämlich besonders leicht, sich zu vermehren, weil ihre natürlichen Feinde hier keinen Unterschlupf und auch keine Nahrung mehr finden. Was tut man also gegen die große Menge an Schädlingen? Richtig, noch mehr Pestizide! Dadurch, dass nun ausschließlich Baumwolle angebaut wird und jeder Quadratmeter Feld zählt, ist kein Platz für andere Dinge: Nahrungsmittel zum Beispiel, sodass diese nun zugekauft werden müssen.

Habe ich eigentlich schon den Wasserverbrauch erwähnt, der beim Baumwollanbau entsteht? Damit die Fruchtkapseln nun üppiger wachsen und die Reife besser steuern zu, müssen die Baumwollfelder künstlich bewässert werden. Meist geschieht dies per Oberflächenbewässerung, bei der 60 Prozent ungenutzt verdunstet oder versickert. Wir sprechen hier übrigens von einem Wasserverbrauch von 10.000 bis 17.000 Litern. Pro Kilogramm geernteter Baumwolle, versteht sich! In besonders trockenen und heißen Gegenden, wie zum Beispiel im Sudan, sind es sogar an die 29.000 Liter. Ein enormer Wasserverbrauch mit enormen Folgen für die Natur.

Es sind leider nicht nur geringere Erträge, die für niedrige Einnahmen der Bauern sorgen. Der Grund liegt schlichtweg an ihrer Position am Weltmarkt und seinen Mechanismen. Welche Verhandlungsmacht haben hier einzelne Kleinbauern wohl? Richtig, gar keine – sie müssen trotz aller Preisschwankungen mit Industrieländern konkurrieren, die staatliche Subventionen in ihre Baumwollproduktion pumpen, um die Baumwollpreise künstlich niedrig zu halten. So sind die Bauern dazu gezwungen, ihre Erträge zu Dumpingpreisen an Zwischenhändler zu verkaufen. Der finanzielle Ertrag deckt oft nicht einmal die Produktionskosten.

Aus all dem resultieren immer höhere Ausgaben und von Jahr zu Jahr immer geringere Ernten – die Kleinbauern verschulden sich und verarmen letztendlich durch ihre eigene Arbeit, die eigentlich ihre Lebensgrundlage darstellen sollte. Wenn es nicht der Chemikalieneinsatz ist, an dessen Folgen sie sterben, sind unzählige Selbstmorde aus purer Verzweiflung beileibe keine Seltenheit. Betrachtet man auch noch die vielen Berichte über gentechnisch modifiziertes Saatgut, ausbeuterische Kinderarbeit sowie über unzumutbare Arbeitsbedingungen und Hungerlöhne für die Plantagenarbeiter, muss man sich die Frage stellen, wie es sein kann, dass gerade einmal 15 Prozent der weltweit angebauten Baumwolle als nachhaltiger produziert gelten?

Das ist die traurige Realität der konventionellen Baumwollproduktion. Humane, faire Bedingungen sehen anders aus. Aber sind die Umstände bei der Produktion von Fairtrade-Baumwolle grundlegend anders? Absolut. Glaub mir, Baumwolle ist wirklich nicht gleich Baumwolle!

Dieses Bild entstand 2018 auf der Reise nach Pratibha, Madhya Pradesh, Indien. Zu sehen ist hier Kailash Chandra Patidar, ein bekannter Bauer aus dem Bhudari Dorf.

Darum ist Fairtrade-Baumwolle die bessere Baumwolle

Faire Rahmenbedingungen und ein fairer Handel machen eine Menge aus und sorgen dafür, dass der Baumwollanbau für die Bauern wieder zu dem wird, was er eigentlich sein sollte: Eine Lebensgrundlage und kein Überlebenskampf. Der Unterschied von Fairtrade-Baumwolle zu solcher aus konventionellem Anbau sieht folgendermaßen aus:

Mindestpreise und Prämien

Irgendetwas müssen die Baumwollbauern mindestens verdienen, um eine Mindestabsicherung zu haben. Je nach Baumwoll-Qualitäten in den Anbauregionen wird den Bauern daher ein Fairtrade-Mindestpreis bezahlt. Liegt der lokale Marktpreis darüber, gilt der höhere Preis. Zudem bezahlt der Käufer noch 0,05 Cent Fairtrade-Prämie je Kilo Fairtrade-Baumwolle. Diese Prämie ist für Gemeinschaftsprojekte vorgesehen, wie etwa Bildungs-, Gesundheits- oder Infrastrukturprojekte.

Bessere Arbeitsbedingungen, demokratische Organisation

Fairtrade-Produzentenkooperationen haben einen Vorteil: Sie sind nicht sich selbst überlassen. Es sind meist kleine, in Kooperativen zusammengeschlossene Familienbetriebe oder demokratisch geführte Organisationen im Besitz der Bauern und Bäuerinnen. Lediglich in Indien und Pakistan läuft es etwas anders: Hier gibt es einige Bauern-Gemeinschaften, die nicht in Kooperativen organisiert sind. Diese geben ihre Baumwolle an ein Unternehmen weiter, welches die Baumwolle für sie weiterverkauft. Für dieses Unternehmen sind die Fairtrade-Standards selbstverständlich ebenso verbindlich. muss. Gleichzeitig ist es dafür verantwortlich, den Mehrerlös durch den Verkauf der Fairtrade-Baumwolle an die Bauern und Bäuerinnen weiterzugeben.

Verbot von ausbeuterischer Kinderarbeit

Fairtrade verbietet Zwangsarbeit und ausbeuterische Kinderarbeit sowie Zwangsarbeit. Hier werden die Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) als die maßgeblichen Standards zum Thema Kinderarbeit erachtet. Wo immer die Gefahr von ausbeuterischer Kinderarbeit besteht oder Kinderarbeit aufgedeckt wird, werden die Maßnahmen angewandt, die sich aus diesen Grundsätzen ergeben. Die Stärkung von Produzentenfamilien durch gerechte Entlohnung und schulische Ausbildungen für die Kinder haben dazu beigetragen, Kinderarbeit verzichtbar zu machen und die Lebensverhältnisse gesamter Familien langfristig zu verbessern – einer der großen Erfolge des Fairen Handels!

Umweltschonende Produktionsweise

Die Produktion von Fairtrade-Baumwolle unterliegt starken Umweltstandards. Denn sie kann nur dann nachhaltig sein, wenn die Gesundheit und Sicherheit der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern gewährleistet ist und die Natur erhalten wird. Daher sind gentechnikverändertes Saatgut aber auch gefährliche Chemikalien verboten. Zudem verpflichten sich die Kleinbäuerinnen und Kleinbauern außerdem dazu, Wasserressourcen beim Anbau möglichst effizient einzusetzen. Bei Abnahme von Bioqualitäten wird außerdem ein Bio-Aufschlag für die Baumwolle ausbezahlt.

Baumwollbäuerin mit ihrem Kind aus der Fairtrade Kooperative US-GPC de Kédougou aus dem Senegal (Afrika).

Fairtrade-Baumwolle: der Unterschied ist es Wert

Wenn du ein Kleidungsstück trägst, das aus Fairtrade-Baumwolle gefertigt ist, dann kannst du darauf vertrauen, dass der Rohstoff unter fairen und humanen Bedingungen geerntet und bei uns in europäischen Produktionsstätten zu fairen Bedingungen weiterverarbeitet wurde. Du kannst davon ausgehen, dass gemäß der Fairtrade-Standards große Anstrengungen dafür unternommen wurden, um den Anbau so umwelt- und ressourcenschonend wie möglich zu gestalten. Und vor allem kannst du dir sicher sein, dass du ein Kleidungsstück in den Händen hältst, an dem weniger Chemikalien kleben. Allein das sollte uns der vergleichsweise geringe Mehrpreis für ein Fairtrade-Kleidungsstück wert sein! Und nach dem Kauf? Damit da eine nachhaltig-runde Sache draus wird, solltest du dir mal das Textilrenting anschauen – Wassereinsparung garantiert!

Nähere Informationen zu Fairtrade erhältst du hier: www.fairtrade-deutschland.de

Hast du je über die Herkunft der Baumwolle nachgedacht, aus der deine Arbeitsklamotte hergestellt wurde? Oder schaust du inzwischen auch bewusst darauf, wie und unter welchen Bedingungen sie produziert wird?

Erzähl´uns in den Kommentaren, wie DU damit umgehst!

Dragan
Gelernter Koch, heute Texter, Content-Marketing-Fuzzi und Autor im WBLK-Blog. Über 10 Jahre in der Gastronomie gehen aber nicht spurlos an einem vorüber. Auch nicht beim Schreiben. Denn ein guter Text ist manchmal fast dasselbe, wie gutes Essen: Man kann noch so sehr abfeiern, was man da Tolles auf den Teller gezaubert hat – am Ende muss es vor allem den Leuten gefallen, die den Teller vor sich haben.
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