„Kommunizieren, aufklären, für Verstehen sorgen!“

Head of HR Susanne Hasenstab über Gleichberechtigung bei Weitblick

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Lesezeit: 5 Minuten

Man hört ja immer wieder, alle Menschen wären gleich. Ach, was bin ich froh, dass das nicht so ist! Hätten wir alle bloß einen 08/15-Normkörper mit Allerweltscharakter und einen schablonierten Durchschnittsgeschmack, wäre es doch mächtig langweilig auf der Welt. Ich persönlich denke, dass all die großen und kleinen, dünnen und fülligen, lauten und leisen, schwarzen und weißen, flippigen und stillen – kurz: einfach interessanten Menschen das Miteinander erst interessant machen!

Gut, nun sind wir alle vielleicht nicht gleich – sehr wohl aber gleichwertig: Gleiche Rechte, gleiche Stellung vor dem Gesetz, gleiche Freiheit …  Zumindest wäre das der Idealfall. Wir wissen alle, dass diese Gleichberechtigung in vielen Lebensbereichen leider nicht gegeben ist und Menschen eben nicht gleich behandelt werden, obwohl dies ihr gutes Recht ist. Nehmen wir mal einen Bereich, der absolut existenzstiftend ist: Die Arbeitswelt.

Was einen nicht umbringt …

… ist vielleicht nicht tödlich – aber in der Regel ziemlich ungesund. Das trifft auch auf fehlende Gleichberechtigung zu – und mit Sicherheit kannst du dich an eine oder mehrere Situationen aus deinem Berufsleben erinnern, in denen du Ungleichbehandlung im Job mitbekommen oder vielleicht sogar am eigenen Leib erfahren hast. Kein schönes Gefühl, anders als andere behandelt zu werden, oder? Und dennoch schlucken viele Menschen ihren Ärger einfach runter. Manche, weil sie stark von ihrem Job abhängig sind, manche, weil sie glauben, sie könnten sowieso nichts daran ändern und manche, weil sie fehlende Gleichberechtigung als Normalität empfinden.

Aber warum ist das so? Warum ist Gleichberechtigung heute in vielen Unternehmen noch nicht wirklich angekommen? Wie lässt sich Gleichberechtigung im Job erreichen, was braucht es dafür und wie profitieren Unternehmen wie Beschäftigte gleichermaßen davon? Über diese Fragen und darüber, wie es Weitblick mit der Gleichberechtigung hält, haben wir uns mit Susanne Hasenstab | Head of HR unterhalten.

Liebe Susanne, in aller Kürze: Was sind für dich die wesentlichen Elemente, ohne die Gleichberechtigung nicht funktioniert?

Offenheit, Kommunikation, Vielfaltsdimensionen, Transparenz und Vertrauen.

Nun verstehen ja nicht alle dasselbe unter Gleichberechtigung. Was bedeutet Gleichberechtigung überhaupt?

Gleichberechtigung bedeutet, dass alle die gleichen Rechte haben. Gleichberechtigung beziehungsweise Gleichbehandlung bedeutet für Weitblick auch, dass wir Verschiedenheit und Vielfalt innerhalb der Bevölkerung anerkennen, unabhängig von Geschlecht, Behinderung, ethnischer oder kultureller Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Alter oder sexueller Neigung – das Thema Gleichberechtigung steht also für uns auch immer in Zusammenhang mit dem Thema Diversity. Deshalb stehen wir für absolute Gleichbehandlung und arbeiten aktiv gegen Diskriminierung.

Was wird in Zusammenhang mit Gleichberechtigung häufig missverstanden?

Gleichberechtigung wird oft zu vereinfacht gesehen und wird oft nur mit Gleichstellung zwischen Mann und Frau gesehen. Es werden nicht immer alle Dimensionen der Gleichberechtigung erfasst. Wirtschaftlichkeit und Gleichberechtigung schließt sich auch für manche Unternehmen aus, weil sie glauben, dass Diversity kein Treiber sein kann – was sie aber aus unserer Erfahrung heraus definitiv ist.

Beim Thema Entlohnung sollte natürlich gelten: Gleicher Lohn für gleiche Tätigkeit. Allerdings wird hier oft übersehen, dass Gleichberechtigung nicht gleich heißt, dass ich genauso viel verdienen sollte wie meine Kolleginnen und Kollegen –  hier fließt noch viel mehr ein, zum Beispiel Leistungsgerechtigkeit, Sozialgerechtigkeit und so weiter. Ein wichtiges Thema bei der Entlohnung ist auch die Lohnlücke zwischen Mann und Frau, der sogenannte „Gender Pay Gap“. Den gilt es natürlich zu vermeiden.

Deine persönliche Meinung: Wann ist Gleichberechtigung wirklich Gleichberechtigung?

Das ist dann der Fall, wenn alle Dimensionen von Diversity eingeschlossen werden und wenn man Gleichberechtigung ehrlich und authentisch betreibt. So dürfen zum Beispiel Frauenquoten keine Marketingmasche darstellen. Gleichberechtigung sollte immer ganzheitlich über das komplette Unternehmen hinweg betrachtet werden. Grundsätzlich müssen im besten Fall gesetzliche Grundlagen für Gleichberechtigung bestehen.

Allerdings gibt die Gesetzeslage Gleichberechtigung teilweise noch nicht her, siehe zum Beispiel das „Gesetz zur Regelung des Erscheinungsbilds von Beamtinnen und Beamten“, was etwa das Tragen von Kopftüchern betrifft. Auf menschlicher Ebene kann echte Gleichberechtigung hingegen nur umgesetzt werden, wenn ein offener Austausch und Kommunikation gegeben ist.

Welche Rolle spielen deiner Meinung nach denn Quoten zur Erreichung von Gleichberechtigung?

Mit einer Quotenregelung soll definitiv mehr Gerechtigkeit, mehr Chancengleichheit und mehr Diversität in der Arbeitswelt geschaffen werden. Dennoch gibt es auch die Kritik, dass die Frauenquote allein die Rahmenbedingungen in der Gesellschaft und der Arbeitswelt nicht ändern oder es auch zu einem gewissen Zwang kommt, der dann oft zum Klischee der „Quotenfrau“ führt. Wir bei Weitblick möchten viel früher ansetzen, um gar keine Frauenquote zu benötigen. So bieten wir Frauen beispielsweise durch verschiedene Teilzeitmodelle – auch für Führungskräfte – einen gleichwertigen Zugang zur Arbeitswelt wie Männern.

„Viele Menschen nehmen eigene Benachteiligungen gar nicht bewusst wahr beziehungsweise stufen sie sogar als weniger schlimm ein, weil zu wenig darüber kommuniziert wird.“

Welche unterschiedlichen Auffassungen von Gleichberechtigung gibt es bei Unternehmen und Beschäftigten? Gibt es Potenzial, dass bei diesem wichtigem Thema schlichtweg aneinander vorbeigeredet wird?

Gleichberechtigung ist auf jeden Fall ein Kommunikationsthema, es braucht viel Transparenz, aber auch Offenheit. Viele Mitarbeitende haben latent Angst vor Ungleichberechtigung. Hier heißt es: Kommunizieren, aufklären, für Verstehen sorgen! Gleichberechtigung im Unternehmen ist außerdem sehr vielschichtig. Vergleiche anzustellen ist oftmals schwer beziehungsweise schwer nachzuvollziehen, wie etwa: Warum verdienen Pflegekräfte weniger als Mitarbeitende, die in einem Automobilkonzern am Band arbeiten?

Was sind die größten Vorteile, von denen ein Unternehmen profitiert, in dem Gleichberechtigung gelebt wird – und anders herum gefragt: Was droht, wenn Gleichberechtigung fehlt?

Wenn Gleichberechtigung fehlt, entsteht oft Missstimmung in der Belegschaft. Die Produktivität leidet und das Thema Gleichberechtigung wird im Allgemeinen nicht vorangetrieben. Es kommt zu Resignation, korrosiver Energie, innerer Kündigung. Wenn dagegen Gleichberechtigung gelebt wird, herrscht oft eine hohe Mitarbeitendenzufriedenheit und eine gesteigerte Produktivität, wodurch Unternehmen natürlich profitieren.

Wo steht Weitblick deiner Meinung nach in puncto Gleichberechtigung?

Weitblick setzt sich bereits stark für Gleichberechtigung ein. Wir reflektieren selbstkritisch und nehmen auch kritisches Feedback an, sodass wir uns stetig verbessern können. Für eine ausgeprägte Gleichberechtigung gibt es bei uns verschiedene Dinge wie unsere Arbeitsgruppe „Diversity“, verschiedene Beschwerdekanäle oder die TOP JOB Mitarbeitendenbefragung. Wir sehen das Thema als andauernde Aufgabe und möchten und können uns hier nie zurücklehnen.

Wovon hängt es ab, ob oder dass Maßnahmen in puncto Gleichberechtigung bei Weitblick ergriffen werden? Was ist stärker – Eigeninitiative oder Beschäftigtenfeedback?

Wir schauen natürlich selbst proaktiv auf einzelne Bereiche, nehmen aber auch jedes Mitarbeitendenfeedback sehr ernst. Das Thema Gleichberechtigung entwickelt sich aber auch in der Gesellschaft stetig weiter, sodass wir mit verschiedensten Themen konfrontiert werden. So gab es vor zehn Jahren beispielsweise noch keine derart ausgeprägte LGBTQ+-Bewegung.

Apropos Weiterentwicklung: Das Thema Gleichberechtigung gibt es ja nicht erst seit gestern – seit wann hast du aber das Gefühl, dass sich ein Unternehmen mehr als früher in diese Richtung bewegt?

Eigentlich gibt es schon seit über 100 Jahren verschiedenste Bewegungen, nehmen wir da zum Beispiel nur mal die Frauenbewegung. Durch Social Media gibt es heute aber viel mehr Möglichkeiten, sich zu informieren, was gerade für junge Menschen super ist. Man denke hier etwa an die Fridays-for-Future-Bewegung oder an gewisse Gesetzeslagen, die sich geändert haben. Da hat sich auch einiges getan, beispielsweise die Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe oder im Unternehmenskontext, das Entgelttransparenzgesetz, das es seit 2017 gibt.

Wenn man sich so umhört, dann gibt es doch schon viele Menschen, die Benachteiligungen im Berufsleben erfahren oder erfahren haben. Was mir dabei besonders auffällt: Viele Menschen nehmen eigene Benachteiligungen gar nicht bewusst wahr beziehungsweise stufen sie sogar als weniger schlimm ein, weil zu wenig darüber kommuniziert wird – insbesondere bei Frauen. Jedenfalls möchten wir bei Weitblick alles dafür tun alles, dass Mitarbeitende diese Erfahrungen bei uns nicht machen müssen.

Welche Maßnahmen sind bei Weitblick noch in Planung, um die Gleichberechtigung zu stärken?

Unsere Arbeitsgruppe „Diversity“ steht noch ganz am Anfang. Nach der Erstellung des Leitbildes möchten wir noch mehr Teilnehmende zu Wort kommen lassen, regelmäßig darüber informieren und noch mehr Transparenz schaffen. Außerdem möchten wir auch unsere Führungskräfte hier stark mit einbinden. Wir wollen mehr zur Aufklärung beitragen und informieren, damit sich alle ihre Meinung bilden können.

Dragan
Dragan
Gelernter Koch, heute Texter, Content-Marketing-Fuzzi und Autor im WBLK-Blog. Über 10 Jahre in der Gastronomie gehen aber nicht spurlos an einem vorüber. Auch nicht beim Schreiben. Denn ein guter Text ist manchmal fast dasselbe, wie gutes Essen: Man kann noch so sehr abfeiern, was man da Tolles auf den Teller gezaubert hat – am Ende muss es vor allem den Leuten gefallen, die den Teller vor sich haben.
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