Als der Blaumann nach Deutschland kam

90 Jahre Begeisterung: Die 2. Generation Weitblick

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Ein ganzes Land ist am Boden. Nach Ende des zweiten Weltkrieges stehen die Menschen in Deutschland vor den den Trümmern ihrer Existenz. So auch die 1. Generation des Unternehmens Weitblick. Dem Gründer Gottfried Schmidt halfen allerdings erneut drei Dinge dabei, nun auch noch ein drittes Mal ganz bei Null anzufangen, nachdem sein Unternehmen zwei Mal ausgebombt wurde: Mut, Kraft und Zuversicht.

Von nun an war auch sein Sohn Wolfgang mit an Bord, um das Geschäft in zweiter Generation wieder aufzubauen – eine schier unmöglich zu stemmende Aufgabe, wenn man sich die Startvoraussetzungen vor Augen führt. „Das war eine Bretterbude, in der sie gearbeitet haben“, beschreibt der heutige Weitblick-Geschäftsführer Claus Schmidt die Bedingungen, wie er sie aus Erzählungen seines Vaters Wolfgang kennt. „Die beiden haben 15 Jahre lang buchstäblich im Dreck gearbeitet.“

Harte Zeiten machen starke Persönlichkeiten aber noch stärker und das Durchhaltevermögen von Vater und Sohn sollte sich schließlich lohnen. Gegen Ende der 1950er Jahre nahm das Geschäft wieder richtig Aufwind und es gelang den beiden, eine starke Produktion aufzubauen. Gottfried und Wolfgang Schmidt setzten mehr und mehr auf die Fertigung von Arbeitskleidung nach Kundenaufträgen – das sogenannte Objektgeschäft. Und Kundenaufträge gab es reichlich. Die fleißigen Näherinnen arbeiteten unermüdlich, zwischenzeitlich sogar in eigens dafür angemieteten Wirtshaussälen, um mit der Produktion von maßgeschneiderter Arbeitskleidung hinterherzukommen.

Übrigens hatte in dieser Zeit eine wahre Ikone der Workwear-Welt ihren allerersten Auftritt in Deutschland: „Der Blaumann, also der kornblaue Arbeitsanzug für Handwerker, ist höchstwahrscheinlich auf meinen Vater zurückzuführen“, erzählt Claus Schmidt. „Er war 1956 mit seinem VW Käfer in Italien und sah, die Automechaniker und Handwerker dort in ihrer – so hieß das damals – kornblauen Arbeitskleidung.“ Zuhause in Frankfurt griff er die schicke Inspiration auf und produzierte den Blaumann nun selbst. „Hundertprozentig beweisen kann ich das nicht, aber sie waren sie die ersten Hersteller in Deutschland, die einen royalblauen Arbeitsanzug herausbrachten, und das wurde schnell en vogue.“

Strategie: Zu den Menschen gehen

Die zweite Generation hatte alle Hände voll zu tun. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders und der Vollbeschäftigung war es allerdings unglaublich schwer, überhaupt Arbeitskräfte zu finden, also wählten sie dazu einen unkonventionellen Weg. „Sie sind quasi zu den Leuten hingegangen, bis in die Provinz“, erzählt Claus Schmidt. Tief im Spessart oder am Bayerischen Untermain akquirierte man Personal einfach via Mundpropaganda – und mit Erfolg. Denn schon damals, auch in der tiefsten Provinz, hinterließ die Globalisierung ihre Spuren. „Da waren viele Frauen, die zuvor in Zigarrenfabriken gearbeitet haben. Irgendwann waren die Zigarren hierzulande ausgerollt, denn die kamen fertig gerollt aus Südamerika. Diese Frauen haben sie dann eingestellt – das waren Frauen, die nähen konnten.“

Wolfgang Schmidt vor dem Rohbau in Kleinostheim

Da das Unternehmen den Einzelhandel für Berufsbekleidung und eigene Kollektionen mit der Zeit immer mehr zurückgefahren hat, lag der Fokus ganz auf der Fertigung nach individuellem Kundenauftrag. Anstatt großer Lager benötigte man also Produktionsstätten. Auch mit diesen ging man in den Spessart – 1962 baute man den ersten Produktionsbetrieb in Mömbris, 1967 folgte der zweite in Heinrichsthal. Das war für alle Beteiligten sehr angenehm, da man die Menschen einfach direkt dort vor Ort beschäftigen konnte, wo die sie wohnten. Die Strategie „Zu den Menschen gehen“ ging auf: Mitte der 1970er Jahre beschäftigte das Unternehmen bereits über 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenige Jahre später trat mit Claus Schmidt dann auch die dritte Generation des Unternehmens an.

Dragan
Gelernter Koch, heute Texter, Content-Marketing-Fuzzi und Autor im WBLK-Blog. Über 10 Jahre in der Gastronomie gehen aber nicht spurlos an einem vorüber. Auch nicht beim Schreiben. Denn ein guter Text ist manchmal fast dasselbe, wie gutes Essen: Man kann noch so sehr abfeiern, was man da Tolles auf den Teller gezaubert hat – am Ende muss es vor allem den Leuten gefallen, die den Teller vor sich haben.
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